Das Tier im Landschaftsbild unserer Heimat
Das Leben auf unserer Erde kennt keine Schranke, kein Grenzstein ist ihm gesetzt. Und es sind nicht nur die niedrigsten Lebewesen, einzellige Algen, Pilze, Infusorien, die sich sozusagen überall einstellen, nein, wenigstens von der Tierwelt gilt es, daß sich gerade ihre höchsten Vertreter, die Wirbeltiere, die ganze Welt erobert haben.
Aus den größten Tiefen der Ozeane, wo längst keine Pflanze mehr gedeiht, wo ewige Finsternis herrscht, bis auf die Flammen, die sich die Tiere selbst anzünden, hat man eine erstaunliche Artenzahl wohlorganisierter Fische ans Licht befördert, und hoch über der Waldgrenze der Gebirge, wo nur noch kurzrasiges Gras an dem Steilhang emporklettert und niedrige Alpenblumen ihre farbensatten Sterne dem Sonnenstrahl öffnen, ja noch höher droben, wohin keine blühende Pflanze mehr folgt, wo der zackige Felsengrat nackt und tot aus dem Firnschnee zum Himmel emporstarrt, da haftet der Fuß der flüchtigen Gemse, des Steinbocks, da pfeift im Steintrümmermeer das Murmeltier vor seiner Höhle. Über allem Irdischen aber, an der blauen Glocke des Himmels, schwebt in erhabener Ruhe der Adler, der König der Lüfte.
In solcher Einsamkeit herrscht dann das Tier als einzige Staffage der Landschaft: der nackten Felsenzinnen oder des einförmigen Wüstensandes, der weiten Meeresfläche oder des unermeßlichen Luftozeans, und nirgends sonst erreicht der Eindruck des Lebendigen solche Stärke.
Im übrigen aber vermag die Tierwelt nur in besonderen Ausnahmefällen der Landschaft einen bestimmten Wesenszug aufzuprägen; sie tritt in dieser Beziehung hinter der Pflanzenwelt weit zurück. Diese ist es, die das Bild beherrscht; an ihr haftet das Auge.
Düster, in blauschwärzlicher Färbung schaut der Nadelwald von den Höhen herab auf die Ebene, wo unter der weißen Decke das Samenkorn schlummert. Halbverschneite Hecken am Wege, ein einzelner Baum am Rain, ein kleines Feldgehölz, das seine kahlen Äste und Zweiglein zum bleigrauen Himmel erhebt, abgestorbene Stauden, deren Samenrispen zwischen den Schneewehen emporragen, erhöhen den Eindruck der Einsamkeit. Totenstille in der Natur.
Die freundliche Au, vom gewundenen Bächlein durchfeuchtet, hat der Frühling mit tausend Blüten geschmückt; lebensfroh schauen sie zum Lichte empor. Vergißmeinnicht: ihr Blau ein Abbild des Himmels; Löwenzahn, Ranunkulus, Dotterblume: goldenen Sonnen vergleichbar. Aus den alten Weidenstümpfen streben rötliche Triebe empor mit gelbgrünen Schmalblättern, während das Erlengestrüpp sein junges, glänzendes Laub über das plätschernde Wasser ausbreitet, in dem sein Spiegelbild zittert wie vor Erwartung seligster Lust.
Vom stahlblauen Himmelsgewölbe strahlt die Julisonne herab auf die Fruchtebene. Ein einziges Getreidefeld, wohin man nur schaut. Die braungoldenen Weizenähren wogen wellenförmig im heißen Lufthauch, der tosend über sie hinstreicht. Ein Bild der einförmigen Steppe; kein Baum, kein Strauch. Hier herrschen die Fruchtgräser, von der Hand des Landmanns angebaut. Nur am Rain glüht es rot, großblütiger Mohn, und tiefblau schaut die Zyane aus dem lichtgelben Halmenmeer hervor.
Der herbstliche Laubwald: in allen Farben und Tönen glänzt es und gleißt es, vom zartesten Rosa bis zum sattesten Rot, vom lichtesten Gelb bis zum tiefsten Bronzeton. Und wenn die goldne Oktobersonne vom wolkenfreien Himmel herab all die Farbenflecke mit einer Fülle von Licht, von brennender Glut überschüttet, wenn sie lange Schlaglichter tief in den Wald wirft und helle Zitterkringel auf den Boden malt, daß auch das abgestorbene Laub noch einmal aufleuchtet: ein Farbenbild von wunderbarem Reiz, ein Farbeneinklang, der nicht seinesgleichen hat.
Im Kreislauf des Jahres die Pflanzenwelt ist's, die unsern heimatlichen Landschaftsbildern ein ganz bestimmtes Gepräge verleiht. Ihr ordnet sich alles unter, selbst der geologische Aufbau des Bodens, der doch gleichfalls von allergrößter Bedeutung ist. Das Tier aber erscheint dem gegenüber als eine viel weniger wichtige Zugabe zum Landschaftsbild, mehr zufällig bloß; man achtet seiner, nur weil man's gerade bemerkt. Fehlte es, der Anblick, der ganze äußere Eindruck wäre dennoch der gleiche; nur in besonderen Fällen wird man sich der fehlenden Tierwelt als eines wirklichen Mangels der Landschaft bewußt.
Und doch, wo immer es sei: ob sich die Pflanzenwelt in Macht und Fülle aufbaut, daß die Baumriesen ihre Äste und Zweige zu gotischem Dach über dem Wanderer wölben, oder ob nur spärliche Gräser die weite Fläche dürftig bedecken; zu welcher Jahreszeit immer: ob der Winter seine Herrschaft führt, daß der Waldbach, in eisige Fesseln gebannt, nur leise plätschernd unter dem starren Panzer dahinmurmelt und der Stamm des Hochwaldes vor Frost tiefächzend zersplittert; zu welcher Stunde des Tages auch: ob die Mittagsglut auf der Flur liegt, drückend schwül, kein atmendes Lüftchen, ob der Mond sein silbernes Licht über den schlafenden Waldsee ergießt oder ob Morgennebel das Tal in dichte Schleier hüllen – nur ein einziges Tier in solchem Bild, ein einziger Schrei oder Ruf, die Strophe nur eines Vögleins, und sofort wird der Reiz der Landschaft erhöht, der ganze Eindruck in einer Weise gesteigert, daß wir das Bild vor uns wie mit einem Schlage in ganz anderem Lichte sehen.
Woher dieser Zauber? Wir sind nicht mehr allein, nicht mehr die einzig fühlende Brust; ein anderes Wesen nimmt teil an dem, was unsre Sinne schauen, unser Herz bewegt. Das Tier ist's, durch das Mutter Natur zu uns redet, das beseelte Geschöpf. Seine Erscheinung, sein Leben und Treiben, sein Ruf, seine Stimme: das ist der uns Menschen verständlichste Ausdruck im Reiche der Schöpfung.
Der nächtliche Sternenhimmel redet eine erhabene Sprache – ach, wie klein ist der Sterbliche doch, der andächtig zu den tausend und abertausend funkelnden Sonnen emporschaut! Das Meer braust heran, Woge auf Woge, ewig, gewaltig, unermeßlich, furchtbar im Sturm – eine Nußschale der riesige Dampfer, das Menschenleben ein Nichts. Der massige Fels erzählt uns seine Geschichte aus nebelhaft grauer Vorzeit, wie ihn die bebende Erde gebar, wie Jahrmillionen ihn formten, auch das Unvergänglichste wandelnd – wer versteht seine Sprache, die uns allen so fremd ist! Der Krystall funkelt und gleißt, in spiegelblanken Flächen bricht sich das Licht – aber er spricht von starren, toten Gesetzen.
Nur das Leben redet zum Leben in lebendiger Sprache, in unsrer Sprache, in der Muttersprache, die allen eignet, die niemand erlernt, keiner zu erlernen braucht, die man nicht begreift mit dem Verstande, sondern die uns von Anfang an innewohnt, tief im fühlenden Herzen. Der Wald spricht mit uns, die einsame Wettertanne auf erhabener Felsenwacht, die Blume am Bachesrand, das flüsternde Schilf, die Heckenrose am Wege – aber: »Fleisch von unserm Fleisch und Bein von unserm Bein«, das gilt doch noch in weit höherem Grade von den Tieren, von unsern »Brüdern«, wie sie Goethe in jenem bekannten Wort an den »erhabenen Geist« nennt:
»Du führst die Reiche der LebendigenVor mir vorbei und lehrst mich meine BrüderIm stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.«
Die Sprache des Tieres, der Ausdruck seines Fühlens, seines Wollens ist unsrer Sprache verwandt; dem Tiere schreiben wir, wie uns selbst, eine Seele zu, die erkennt, die fürchtet und hofft, die liebt und haßt. Und wenn uns der Verstand auch immer wieder zuruft, daß das Geschöpf nicht anders handeln kann, als es handelt, daß es einem inneren Triebe folgt, einer Naturnotwendigkeit, und daß der Tierfreund in tausend Fällen die eignen Empfindungen und Gefühle erst in die Brust des Tieres hineinträgt und so das Tier bis zu gewissem Grade vermenschlicht – warum, so frage ich, sollen wir das, was wir sehen, nicht in unsre Sprache übersetzen? warum sollen wir absichtlich den Eindruck zerstören, den eine sinnige Naturbetrachtung auf jedes unverdorbene Gemüt ausübt? Der strengen Wissenschaft mag ihr Recht bleiben, aber auch dem schlichten Naturfreund, der es im Verkehr mit seinen Lieblingen alltäglich erfährt, daß wenigstens das höhere Tier keineswegs eine bloße Maschine ist, ebensowenig wie der Mensch ein willenloses Rädchen im Uhrwerk des Weltgetriebes.
Zwischen unserm eignen Leben und dem Leben der höheren Tiere bestehen innere Beziehungen, die schon das Kind, ja dieses vielleicht noch mehr als der Erwachsene empfindet, und diese Fäden, die wir hinüberspinnen zu jedem beseelten Wesen, sie sind, wenn mich mein Naturempfinden nicht täuscht, die eigentliche, die tiefste Ursache für die hohe Bedeutung des Tieres im Landschaftsbild – ganz gleich, ob das Lebewesen durch seine Bewegung das Auge auf sich lenkt, ob es durch seine Färbung uns ergötzt, durch seine Stimme unsre Aufmerksamkeit fesselt, ob es einzeln auftritt und so den Eindruck der Einsamkeit verstärkt, oder ob ganze Scharen das Bild beleben.
Ach, wieviel würde uns fehlen, wenn wir durch unsern deutschen Frühlingswald gingen und kein Vöglein würde sein Lied anstimmen, kein Kuckucksruf, kein Trommeln der Spechte, wenn am Sommerabend kein Reh zur Äsung auf die Waldwiese oder das Kleefeld träte, wenn die bunten Falter nicht mehr über den Wiesenblumen gaukelten, am schilfbewachsenen Teich der Chor der Frösche für immer verstummt wäre, wenn die wandernden Vogelscharen nicht mehr am herbstlichen Himmel gen Süden zögen, oder wieviel trauriger noch und öder unser nordischer Winter, wenn die schneebedeckten Felder und das Geäst des entblätterten Baumes nicht belebt wären von unsern gefiederten Freunden, die der Herrschaft des rauhen Gewalthabers trotzen!
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